Warum wir reden sollten

Kennst du das nicht auch? – Jemand begrüßt dich mit „Hey, na, wie geht´s?“, und deine Antwort kommt automatisch: „Hey, gut! Und dir?“
Mal ganz ehrlich: Niemandem von uns geht es immer gut. Aber im Alltag ist oft kein Platz für lange Gespräche über Probleme und negative Gefühle – außerdem ist da die Sorge, dass wir nicht verstanden werden, sondern für schwach oder faul gehalten werden. Viele von uns haben Angst, sogar vertrauten Personen zu zeigen, dass wir verletzlich sind, gerade eine schwierige Phase durchmachen oder psychisch erkrankt sind.
Und warum? Weil es leider heutzutage immer noch für die meisten ein Tabu ist, über psychische Gesundheit und Krankheit zu sprechen.
Das heißt: Wir alle können dabei mithelfen – egal, ob wir nun betroffen sind oder nicht –, dass dieses Thema Platz in unserem Alltag bekommt.

Warum ist die Psyche ein Tabu-Thema?

Es gibt viele unterschiedliche Gründe, warum es uns schwerfällt, über psychische Gesundheit und Krankheit zu sprechen.

Viele haben das Gefühl, dass in der Gesellschaft, in der wir leben, eine psychische Erkrankung als Schwäche angesehen wird. Sie wurden vielleicht so erzogen oder beobachten bei ihren Mitmenschen, dass man sich zusammenreißen und stark sein muss, um erfolgreich und zufrieden zu sein. Mit Problemen, so denken sie, müssen sie alleine zurechtkommen – die anderen schaffen es schließlich auch, Schwierigkeiten zu meistern und gut für sich zu sorgen.
Diese Ansicht führt nicht nur dazu, dass diese Personen sich selbst Druck oder den Vorwurf machen, dass sie nicht stark genug seien, mit der Situation klarzukommen. Sie haben auch Angst davor, dass jemand anderes von ihren psychischen Problemen erfährt.

Für manche Menschen ist die Vorstellung, eine psychische Erkrankung zu haben, sehr fremd. Sie kennen Menschen mit psychischen Erkrankungen nur aus Filmen oder weil irgendwo schlecht über sie gesprochen wird. Manche halten Betroffene für „verrückt“, unzurechnungsfähig oder sogar gefährlich. In einigen Kulturen ist man davon überzeugt, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung gestraft wurden, zum Beispiel dafür, dass sie etwas Schlimmes oder Falsches getan haben. Wenn man diese Überzeugung gewohnt ist, kann es schwerfallen, sich selbst oder die betroffene Person noch als Menschen – mit allen seinen Eigenschaften – zu sehen, und nicht nur als psychisch erkrankte Person.

Soll ich, oder soll ich nicht?

Selbst Personen, die gut über psychische Erkrankungen Bescheid wissen und anderen Betroffenen offen und ohne Vorurteile begegnen, können trotzdem Schwierigkeiten haben, sich ihre eigene Erkrankung einzugestehen oder darüber zu sprechen. Das kann daran liegen, dass sie ihre Erkrankung als noch nicht so schlimm ansehen, sie also beiseiteschieben. Oder daran, dass sie sich sicher sind, von niemandem – auch von den besten Freundinnen und Freunden – verstanden zu werden. Manchmal möchten wir unsere Familie, Freundinnen und Freunde auch einfach nicht mit unseren Problemen belasten oder fühlen uns überfordert von den Sorgen, die andere sich um uns machen.

Vielleicht gibt es für dich noch andere Gründe, die dafür sorgen, dass du bisher nicht über psychische Probleme sprechen wolltest. Doch bestimmt erkennst du bald, dass du mit dieser Angst nicht alleine bist. Und noch eine gute Nachricht: Wenn du dich über psychische Gesundheit und Erkrankungen informierst, fühlst du dich bestimmt schon viel sicherer im Umgang mit diesem Thema und mit der Frage, wie und mit wem du darüber sprechen kannst.

Kein Zurück?

Wenn du merkst, dass du psychische Probleme hast, dann solltest du sie nicht ignorieren und hoffen, dass sie von alleine verschwinden. Wenn du sie beiseite schiebst, können sie noch größer werden oder zu weiteren Schwierigkeiten führen. Am besten ist es, du versuchst dich mit deinen Problemen zu beschäftigen. Sie werden nicht schlimmer dadurch, dass du dich über sie informierst oder anfängst, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Du allein kannst entscheiden, wie viel du wem erzählen möchtest und ob du abklären lässt, ob eine psychische Erkrankung Grund für dein Leiden ist. Um die Diagnose musst du dich also erstmal gar nicht kümmern, weil sie fester Bestandteil der ersten Gespräche in einer Therapie ist und die Grundlage dafür bildet, wie die bestmögliche Behandlung für dich aussieht. Auch, welche Therapie du beginnen wirst oder was für dich ein Erfolgserlebnis auf dem Weg zu einer besseren psychischen Gesundheit ist, darfst du selbst entscheiden. Das gilt übrigens nicht nur, wenn du dich jemandem anvertraust, sondern auch, wenn dir jemand von ihren oder seinen psychischen Problemen erzählt – du allein bestimmst, wie viel Hilfe du selbst bieten kannst und ab wann du professionelle Unterstützung bei der Hilfe brauchst.

Wenn du dich im Internet über psychische Erkrankungen informieren oder mit anderen austauschen möchtest, frag dich regelmäßig selbst, ob dir das, was du gerade liest und hörst, hilft oder schadet. Leider gibt es viele Inhalte im Netz, die als sogenannte „Trigger“ anzusehen sind. Das bedeutet, dass sie bei Menschen mit psychischen Erkrankungen noch mehr Angst oder negative Gedanken auslösen können. Dazu können Bilder und Erzählungen von Selbstverletzungen gehören, aber auch genaue Beschreibungen davon, wie sich andere Betroffene fühlen – besonders, wenn die Erfahrungen, die sie teilen, nur negativ sind. In den Sozialen Medien wird man inzwischen häufig gewarnt, bevor triggernde Inhalte gezeigt werden. Solange es dir nicht gut geht, vermeide diese Inhalte – klicke sie nicht an, lies nicht weiter, wenn dir ein Text ein schlechtes Gefühl gibt, und schließe die Seite, wenn dir ein Bild angezeigt wird, das du nicht sehen möchtest.
Außerdem solltest du – wie bei jedem anderen Thema auch – nur vertrauenswürdigen Websites und Personen glauben, was sie über psychische Erkrankungen erzählen. Eine gute Informationsquelle macht dir keine Angst, sondern klärt dich umfangreich über alle wichtigen Aspekte auf. 

Sind wir bereit?

Egal, ob du über deine psychischen Probleme sprechen möchtest oder dich fragst, wie du ein Gespräch mit einer Person beginnst, um die du dir Sorgen machst: Das Wichtigste ist, dass ihr euch mit Respekt begegnet und euch zuhört. Du kannst nichts Falsches sagen, und selbst wenn ein Missverständnis aufkommt, könnt ihr es mit einem ehrlichen Gespräch klären. Du und dein Gegenüber habt jederzeit die Chance, Fragen zu stellen, aber auch zu sagen, wenn ihr über einen bestimmten Punkt nicht reden möchtet. Es wird euch beiden danach besser gehen, denn: Ihr seid nicht mehr allein, sondern habt nun einen Menschen an eurer Seite, der euch versteht und mit dem ihr gemeinsam die nächsten Schritte gehen könnt.

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